Einfach mal starten? Denkste.


Bild (v.l.n.r.): Hartwig Latzer (Barista Götzis), Julia Weber ÖBB, Benno Stäheli


Die ÖBB-Immobilienmanagement GmbH will neue, digitale Angebot an Bahnhöfen in Österreich testen und wir waren super glücklich, als bei uns im vergangenen Jahr eine entsprechende Anfrage eingegangen ist. Lange haben wir gesucht und mit der ÖBB gemeinsam geschaut, welcher Bahnhof in Vorarlberg für unseren Test am geeignetsten wäre. Natürlich waren alle der Meinung, es müsste Bregenz, Feldkirch oder Dornbirn sein. Doch warum sind wir nun in Götzis gelandet?


Ganz einfach: der Bahnhof ist wirklich gut geeignet für unsere Vorhaben. Während andernorts bereits ein grosses Angebot an "Coffee to Go" bei lokalen Bäckereien vorhanden ist, sind wir in Götzis alleine, wenn es um perfekten Kaffee aus einer Siebträger-Maschine geht. Und es sind auch täglich viele Pendler vor Ort, die den Zug in die eine oder andere Richtung besteigen. So weit sehr gut.


Schritt eins: wir brauchen eine oder einen Barista. Die Gastronomie war ja arg gebeutelt in den vergangenen Monaten, also dürfte es doch kaum ein Problem sein, jemanden für den Standort Götzis zu finden, dachten wir. Weit gefehlt. Es herrscht absoluter Mangel an Fachpersonal in Vorarlberg, wenn es um Gastronomie geht. Entweder die Leute sind in der Kurzarbeit, haben sich in den letzten Monaten umschulen lassen oder suchen primär auf der anderen Seite der Grenze. Etliche Inserate und Wochen später haben wir glücklicherweise einen neuen Mitarbeiter gefunden, der sich als zukünftiger Barista beweisen will. Dank einer kompetenten Schulung bei Amann Kaffee in Lustenau, wo wir übrigens auch unsere Bohnen einkaufen, war unser Mann fit für die neue Herausforderung.


Schritt zwei: wir benötigen diverse Bewilligungen für unseren Piaggio, um Kaffee am Bahnhof ausschenken zu können. Wie gross der Aufwand sein wird, haben wir komplett unterschätzt. Es war im ersten Moment schlicht niederschmetternd. Da denkt man, zwei Kaffeemaschinen auf einem kleinen Piaggio Ape 50 zu betreiben, kann ja nicht alle Behörden auf den Plan rufen - falsch gedacht! Während uns die Gemeinde Götzis sehr freundlich empfangen und kaum Auflagen gemacht hat, mussten wir für die BH in Feldkirch seitenweise Formulare ausfüllen. Diese waren eigentlich nicht mal für unseren Fall gedacht, sondern für Gastronomiebetriebe. Weil wir eben einen "Food Truck" (das ist zwar in unserem Fall masslos übertrieben, aber die Fachbezeichnung) betreiben, für den es keine wirklichen Reglemente gibt, wollten wir es genau wissen und haben in Feldkirch unser Anliegen persönlich vorgebracht. Wir wurden auch hier sehr freundlich empfangen und haben dann die Formulare gemäss Empfehlung angepasst. Kurz darauf kam die Mitteilung, dass nach Durchsicht der Unterlagen diese dem gewerbetechnischen, dem hochbautechnischen, dem brandschutztechnischen, dem lebensmitteltechnischen Amtssachverständigen sowie dem Arbeitsinspektor zur Stellungnahme vorgelegt werden. Zudem braucht es eine Baubewilligung, obwohl wir nichts bauen. Das sass - und wir waren erst einmal geschockt.


Die BH Feldkirch ist auf der einen Seite formal sehr korrekt vorgegangen, weil sie das muss, trotzdem hatten unsere Kontaktpersonen auf der anderen Seite aber immer ein offenes Ohr und haben uns super unterstützt. So kamen wir schneller als Gedacht an alle Bewilligungen und mussten nur wenig nachbessern, um am 1. Juli 2021 den ersten perfekten Caffè in Götzis ausschenken zu können. Die Freude war gross!


Abenteuer Start-up Vorarlberg - einmal mehr eine Erfahrung und ein Lernprozess. Österreich tickt etwas anders als die Schweiz, bei gewisse Dingen muss man komplett umdenken, aber am Ende sind es auch hier wieder wohlwollende und hilfsbereite Menschen, die den Unterschied machen, und zum Gelingen ganz viel betragen. Wir fühlen uns sehr wohl im "Ländle" und freuen uns jeden Tag, unsere sympathischen Pendler in Götzis mit perfektem Caffè verwöhnen zu dürfen.

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